Mein ganzer Gartenstolz, die letzten Herbst noch Last Minute gepflanzten Johannisbeeren, wird bedroht! Die Läuse sind wieder da, meine Pflaume haben sie dieses Jahr verschont, sie blüht dennoch nicht, und sich über die Johannisbeeren hergemacht. Johannisbeeren sind für mich Kindheitserinnerung pur, meine Großeltern hatten unzählige, mein Opa hat daraus immer Most gemacht, von dem mir auf der 400 km langen Heimfahrt regelmäßig schlecht wurde. Mein, inzwischen auch verstorbener, Onkel hat später, als mein Opa nicht mehr lebte, Johannisbeerwein gekeltert, klebrig süß, aber irgendwie lecker.

Da ich mich nicht entscheiden konnte, habe ich ein schwarzes, ein rotes und ein champagnerfarbenes Bäumchen gekauft, vor dem Buddeln aber die Zettel entfernt. Daher weiß ich leider nicht, ob nun versehentlich die deutsche oder die belgische Nationalflagge in unserem Garten wächst, ganz rechts steht in jedem Fall die schwarze, das erkennt man bereits an den kräftigen Blättern und Früchten.

Nun sind aber alle drei akut bedroht von Läusen, die bereits von einer Reihe Ameisen liebevoll gehegt werden. Ja, richtig gelesen, Ameisen auf Obstbäumen sind ein ganz schlechtes Zeichen, denn schaut man näher hin, entdeckt man in der Regel auch Blattläuse. Ameisen fressen nämlich deren Ausscheidungen, sie melken die Läuse regelerecht. Als Dank für Speis und Trank verteidigen die Ameisen die Blattläuse vor Fressfeinden wie Spinnen und Vögel. Blattlaus und Ameise bilden auf meiner Johannisbeere quasi eine Symbiose*. Einerseits finde ich dieses natürliche Agreement ja ganz nett, aber nicht auf meinem geliebten Johannisbeeren, denen dadurch die ganze Lebensenergie ausgesaugt wird! Die Viecher müssen weg. Da Pflanzengift auf Obst eine ganze schlechte Idee ist, muss etwas natürliches her. Und was Ameise und Blattlaus können, kann ich schon längst, ich hole mir einen Verbündeten: den Ohrenkneifer!

Ohrenkneifer (je nach Region auch Ohrenschlüpfer, Ohrkneifer, Ohrenhöhler, Ohrenpitscher, Ohrschlitz, Ohrwuzler, Ohrengrübler, Ohrenschlepper, Ohrenschleifer oder schlicht Ohwurm genannt) haben zwar einen sehr unappetitlichen Namen, gehören aber zu den Nützlingen im Garten, denn sie fressen mit Vorliebe Schädlinge, sehr gern auch Blattläuse. Sein lateinischer Name lautet Fortificula auricularia. Sein deutscher Name entspringt der Legende, dass er sich nachts in den Gehörgang schleicht, um schließlich im Gehirn seine Eier abzulegen. In der Antike bis zur Neuzeit wurden Ohrenkneifer nämlich zermalen und schwerhörigen Menschen als Medizin verabreicht. Wie daraus das Ammenmärchen mit dem Gehirn als Brutstätte wurde, lässt sich nicht rekonstruieren, aber früher hatten die Leute regelrecht Panik vor den kleinen Krabblern. Und die will ich mir in den Garten holen?

Muss ich gar nicht, denn sie sind schon da, ich muss sie nur dorthin bringen, wo sie mir nützlich werden können. Ohrkneifer mögen es warm. Zum größten Teil ernähren sie sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, damit reinigen sie meinen Garten und produzieren gemeinsam mit anderen Organismen Erde. Einige Arten jagen außerdem kleinere Insekten, und all das tun die Ohrkneifer gerne in Ruhe in der Nacht oder in der Dämmerung, tagsüber schlafen sie, bevorzugt versteckt. Glücklicherweise gehört der in Deutschland heimische Ohrenkneifern zu diesen Allesfressern, der gern auch echte Mehltaupilze vertilgt.

Ohrenkneifer kann man durch geeignete Verstecke anlocken, dazu eignet sich ein Insektenhotel oder ein umgedrehter Blumentopf aus Ton, in den Stroh, Holzwolle oder getrocknetes Gras gestopft wird. Dieses Versteck wird dort angebracht, wo sich besonders viele Ohrenkneifer aufhalten. Tagsüber tragt ihr das Versteck einfach an die Stelle, an der der Ohrenkneifer gebraucht wird und dieser wird sich in der Nacht über ein köstliches Mahl freuen.

Aber Vorsicht, sind zu viele Ohrenkneifer angelockt wurden und ist keine Nahrung mehr vorhanden (z.B. weil die Läuse schon durch andere Mittel bekämpft wurden und das natürliche Gleichgewicht so ins Schwanken gekommen ist), kann es passieren, dass der Ohrkneifer auch zur Pflanze greift, bei Früchten ist das selten der Fall, denn deren Haut kann er nicht durchdringen, wird er in einer Frucht aufgefunden, ist er durch eine vorhandene Schadstelle eingedrungen. Dann den Ohrenkneifer einfach umsetzen. Auf gar keinen Fall chemisch bekämpfen! Durch Ohrkneifer ist kein großer Schaden zu erwarten, einige angeknabberte Blätter, das ist alles. Es ist sogar unter Strafe verboten Ohrwürmer chemisch zu bekämpfen, lediglich Leimschranken an Obstbäumen (Obst mit weicher Schale, wie Aprikose mag er zum Beispiel ganz gern) dürfen angebracht werden.

Ich bastel gleich morgen mein Ohrenkneiferversteck und poste demnächst in Updates, ob unsere Symbiose die erfolgreichere war.

 

*laut Wikipedia: Symbiose (von griechisch σύν sýn ‚zusammen‘ sowie βίος bíos ‚Leben‘)[1] bezeichnet in Europa die Vergesellschaftung von Individuen zweier unterschiedlicher Arten, die für beide Partner vorteilhaft ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.